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Kategorie: Modelle
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Mit der Re 4/4 II von Märklin geht der Traum vieler Zetties in Erfüllung, dieses typisch schweizerische Lokmodell in bezahlbarer Ausführung
ihr Eigen zu nennen. Obwohl das Modell prinzipiell eine Doppelentwicklung zum Modell von SZL darstellt, darf die Realisierung dieses
Modells aus Göppingen begrüsst werden. Das schon bekannte und mittler- weile vergriffene Modell von SZL bewegt sich im Edelsektor,
entsprechend wird es bei den meisten Besitzern eher in der Vitrine, als auf der Anlage zu finden sein. So ist davon auszugehen, dass auch
Modellbahner, welche bereits eine solche Kleinserien RE 4/4 II besitzen, trotzdem auch die Varianten von Märklin in ihren Bestand
nehmen. Für viele Modellbahner schliesst die robuste und recht preisgünstige Märklin 4/4 eine seit langem offene Lücke im Programm.
Eine Re 4/4 II ist für Anlagen mit Schweizer Themen definitiv ein Muss. Schauen wir uns Vorbilder und Modelle mal an...
 

Eine grüne 4/4 II vor einem IC Chur - Zürich im Januar 2008. Grüne Loks mit eckigen Scheinwerfern waren immer eine Minderheit.
Ab 1978 begannen die SBB, die Loks verkehrsrot umzulackieren, dabei bekamen sie dann auch die Scheinwerfer anstelle der runden
Loklampen.
 

Das tägliche Brot seit vielen Jahren ist der Einsatz zusammen mit eine Re 6/6 als sogenannte Re 10/10 vor Güterzügen auf verschiedenen
Bergstrecken, wie hier im Sommer 2004 am Gotthard. Die Trittstufen an der Pufferbohle und die schräge Griffstange dienen der
Erreichbarkeit der UIC-Steckdose unter dem oberen Spitzenlicht. Diese Teile wurden Ende der 1980er Jahre an den Loks angebracht.
 

Beide Versionen von Märklin vereint als Re 8/8 von einem Stückgut-Güterzug auf der Julier-Nordrampe. Eine solche Doppeltraktion ist
beim Vorbild nicht allzu häufig anzutreffen. Die grüne Lok 11376 war im Vorbild übrigens die letzte grüne Re 4/4 II, die das Werk verliess.
Die letzten zwanzig Loks wurden von SLM in roter Lackierung geliefert.
 

Re 4/4 II 11252 vor einem Eurocity. Ein vertrautes Bild. Auf Bergstrecken betreiben die SBB keine verpendelten Züge. Somit kommen
neben der 460ern auch die BoBo II zum Einsatz. Deren recht geringe Höchstgeschwindigkeit von 140 km/h ist hier kein Manko.
 

Die Seitenansicht der Modelle zeigt, dass die Modelle das kompakte Erscheinungsbild des Vorbilds recht gut wiedergeben. Die 15410 mm
des Vorbild ergeben ca. 70 mm in 1:220, wer hätte gedacht, dass die Modelle mit jeweils 72.8 mm eigentlich deutlich zu lang sind?
 

Die grau-braune Dachgestaltung wirkt auf den ersten Blick etwas trist - meiner Meinung nach aber durchaus vorbildrichtig. In meinem
Fotofundus befinden sich nur wenige Bilder, auf denen vom Orange der Dachleitungen noch irgendetwas zu erkennen wäre. Streiten kann
man über die hell-glänzenden Pantografen. Hier wäre eine dunkle Brünierung deutlich passender zum Rest des Dachs. Nicht nachgebildet
wurden die Lokpfeife und die Zugfunkantenne. An der Lokseite wirkt die Beschilderung, obwohl aufgedruckt, sehr fein. Eine Nachbildung
der Maschinenraumeinrichtung gibt es nicht. Die bei den SBB üblichen hellen Streifen in den Seitenfenstern der Führerstände wurden
nicht aufgedruckt.
 

Die Drehgestelle geben die Vorbildtype sehr gut wieder. Der Schienenräumer, ein für diese Lok unverzichtbares Detail, wurde in die
Drehgestellblenden integriert. Was im ersten Moment wie ein Rückschritt erscheint, zeigt sich bei genauerem Hinsehen und im Betrieb als
guter Kompromiss. Zwar liegt der Schienenräumer etwas zu weit hinter der Pufferbohle, beeinträchtigt aber die Funktion der Kupplung zu
keinem Zeitpunkt. Betriebssicherheit und Funktion vorausgesetzt, ist das nicht anders zu lösen. Ein Mangel fand sich bei einem
Drehgestell: Dem Schleifer zum Chassis fehlte der kleine Kontaktbuckel und er zeigte nach unten, statt in Richtung Chassis. Meine Lok
nahm den Strom folglich nur an zwei Achsen auf und ruckelte dementsprechend. Die Antriebsräder sind Standardteile in neuer Farbe und
ca. 0.7 mm zu klein im Durchmesser.
 

Das Chassis basiert auf dem Bekannten, wie es auch schon z.B. für die Re 4/4 IV und die DB-Einheitsloks verwendet wurde. Neu sind
aber die Löcher für die angesetzte Nachbildung der Integra-Zugsicherungsmagnete und der neu gravierte Teil zwischen den Drehgestellen.
Auch die Kunststoffteile sind leicht abgeändert.
 

Was für eine Überraschung: Das Chassis ist völlig trocken. Keine Spur von Öl! Allerdings nur bei der roten Lok - die grüne triefte wie
gehabt vor Öl. Beiden gemeinsam ist der extrem feste Sitz der Schneckenwellen.
 

Das Gehäuse von innen. Der Hauptschalter ist eingeklebt, die Stirnbeleuchtungselemente mit warmweissen LED nur gesteckt -
sie werden durch die Kontaktfedern gehalten. 
 

Aufgeräumt zeigt sich dass Innenleben. Auf den neuen Platinen werden Oberleitungsumschalter in flacher Bauart verwendet. Dieser
ermöglicht bei neu konstruierten Modellen von Elektroloks die Dachgestaltung ohne das bisherige Loch.
Der Kondensator am Motor ist dicker geworden.
 

Im Vergleich mit dem SZL-Modell kommt die 4/4 von Märklin gut weg. Speziell die Seitenfenster sind so, wie man sie sich beim teuren
Kleinserienmodell gewünscht hätte. Frappierend der Unterschied im Gewicht: Etwas über 23 Gramm bringt die Märklin auf die Waage,
die SZL wiegt glatt das doppelte. Dass die Märklin kein Wunder an Zugkraft ist, besonders nicht auf Bergstrecken, das dürfte einleuchten.
 

Die Seitenansicht offenbart einen sichtbaren Längenunterschied. Kein Wunder, die SZL ist exakt massstäblich.
Deren filigranes Fahrwerk stellt einen Klassenunterschied dar, der aber betriebliche Einschränkungen mit sich bringt.
 

Bilden wir doch aus einer SZL Re 6/6 und einer grünen Märklin eine Re 10/10! Diese Loks passen beinahe perfekt zueinander.
Farbton und Fenstergestaltung stimmen überein. Die Fahreigenschaften leider gar nicht. Und das Geräusch erst recht nicht.
Sanft summend die AZL, laut und hell schnarrend die Märklin. Warum die neuesten Motoren lauter sind, als die ollen Dreipoler will mir
nicht einleuchten. Die Re 4/4 von Märklin laufen leichtfüssig und ungehemmt schon bei kleinster Reglerstellung an. Nur das Geräusch
erinnert an Motor- und Getriebeschaden...
 

Die letzten Aufnahmen belegen es: Die optimale Re 4/4 II-Front ist noch nicht erreicht. Bei SZL gibt es keine Scheibenwischer an der 6/6
und dort fehlt auch die Loknummer...
 

...bei der SZL 4/4 fehlen die Fensterrahmen komplett. Beide SZL besitzen nicht besonders schöne Scheinwerfernachbildungen.
Bei Märklin ist man nah am Optimum des in 1:220-Grossserienfertigung machbaren. Ok, der UIC-Tritt am Umlauf ist etwas dick und
einfach geraten...der weisse Zierstreifen ist im Bereich des Umlaufs nicht durchgezogen - bedruckungstechnisch zu verstehen. Aber, dass
die Fensterrahmen an den Aussenseiten eckig sind, ist mit nichts zu erklären. Auch wenn das mit blossem Auge und speziell auf der Anlage
kaum auffällt, es hätte wirklich nicht sein müssen. Speziell auf Modellfotos kommt das leider nicht gut rüber.
Fazit: Alles in allem ist die Märklin Re 4/4 ein gelungenes Modell. Kompromisse sind weitgehend Stückzahlen und Baugrösse zuzurechnen.
Die Fensterrahmen hätte man ohne Aufwand optimal hinbekommen können. Qualitativ gibt es nach wie vor Spielraum für Verbesserungen.
Kein Modell ist wie das andere gefertigt. Der Antrieb ist lauter geworden. Der fehlerhafte Stromschleifer würde wohl einige Modellbahner
zur Rücksendung des Modells veranlassen. Ich habe die betrieblich relevanten Schwächen in Eigenregie beseitigt.